In einem Brief aus dem Exil in den Niederlanden, wo sich Friedrich Leyden vor dem Zugriff der GESTAPO sicher fühlte, schrieb er am 11. 8. 1934 u.a. an Carl Troll: "... Mir geht es gut. Ich habe in Holland viel Arbeit gefunden und komme trotz mancher Schwierigkeiten auf meiner "Expedition" durch das erstaunlich unbekannte Land "Großstadt" ganz schön vorwärts..."
(Archiv Geogr. Inst. Bonn I-11)Ende November (22. 9. 34) bemerkte er in einem weiteren Schreiben an C. Troll:
"... So zufrieden ich damit bin, mich nunmehr ganz der Wissenschaft widmen zu können, so fehlt es mir hier im Haag doch völlig an Aussprache mit Fachgenossen, und so sehr ich das Interesse und die Förderung durch städtische und staatliche Stellen hier zu würdigen weiß, so lebhaft vermisse ich den Mittagstisch im Bahnhof Friedrichstraße mit seinem zwanglosen Meinungsaustausch! Meine Pläne liegen in einer gründlichen Um- und Neugestaltung der Stadtgeographie als solcher. Die bisher übliche, rein äußerlich morphographische, bestenfalls etwas wirtschafts- oder geopolitisch ausgerichtete Betrachtungsweise scheint mir ein Unding, und all die Versager unter den neumodischen städtegeographischen Monographien dürften m.E. ihren Hauptgrund darin haben, daß offenbar die meisten Bearbeiter sich garnicht recht klar darüber sind, daß eine Stadt "sozusagen" von Menschen bewohnt wird, also etwas Lebendiges darstellt, was nicht allein historisch zu verstehen ist. Freilich habe ich weder die Absicht, neue Schlagwörter zu prägen (eher den bestehenden kräftig zu Leibe zu gehen!) noch nach bekannten Mustern dialektisch-theoretische Erörterungen auszuspinnen. Es scheint mir nützlicher, erst einmal möglichst viel sichere und unbestreitbare Tatsachen festzustellen. In diesem Sinne wollen Sie meine Ihnen neulich übersandten Aufsätze als erste Schritte bewerten. Es wird niemand einfallen, eine Handelsbilanz oder ein Land oder ein Verkehrsnetz in toto als Einheit zu behandeln. Bei den "Siedlungen" wird dagegen kaum ein Unterschied gemacht, ob ein Ort 200 oder 450.000 oder gar x Millionen Einwohner zählt, wenigstens nicht hinsichtlich der grundsätzlichen Behandlungsart. Ich versuche nun eine analytische Behandlung des Problems - Penck würde sagen:"quantenweise" - , bin aber bemüht, dabei nicht in den altbekannten Fehler zu verfallen: ..."Dann habt ihr die Zeile in der Hand, fehlt leider nun das geistige Band"! - doch genug hiervon..."
(Archiv Geogr. Inst. Bonn I-11)
In einem Brief vom 14.5.1933 heißt es:
„Also bleibt mir nichts anderes übrig, als mit dürren Worten Ihnen meinen herzlichsten Dank zu sagen für all die Anregung, die gerade Sie mir für das Buch gegeben haben. Vielleicht ist Ihnen das selbst garnicht so sehr bewußt geworden. Aber es ist gewiß kein Zufall, daß meine jahrelangen Beobachtungen und Begehungen erst seit der Zeit einem konkreten Zweck dienstbar gemacht werden konnten, daß Sie in Berlin sind. Das liegt in Ihrer Natur begründet, die mit dem weitestgespannten Interesse für alles wirklich Geographische die Fähigkeit verbindet, anzuregen, anzuspornen und eben durch Bekundung Ihres Interesses die Freude an der Arbeit wachzuhalten. Auf Ihre Anregung hin durfte ich im Kolloquium sprechen, und aus dem Zwang, hierfür Belegmaterial, Karten, Lichtbilder zu schaffen, erwuchs der Grundstock für das Weitere. Nun ist das Buch gleichsam als ein Fazit, als Abschluß meines Berliner Aufenthalts erschienen. Und wenn Sie darin blättern, dann werden Sie vielleicht erkennen, daß ich neben meinem Beruf doch immer und in erster Linie Geograph geblieben bin. Das ist mir oft klar geworden: der Beruf war eine Vernunftehe, die Geographie aber meine alte Liebe. Wenn eine Vernunftehe gelöst werden muß, so ist das leichter zu ertragen, wenn man der alten Liebe hat treu bleiben können. Ich will auf dieses Thema jetzt nicht weiter eingehen. Wer (wie ich) schon lange davon überzeugt war, daß der ungeheure Augiasstall unseres öffentlichen Lebens einmal mit eisernem Besen ausgefegt werden mußte, der muß auch den persönlichen Verzicht ohne Groll hinnehmen. –
Und nach alter Gewohnheit habe ich mich auch hier gleich geographischer Arbeit zugewandt. Nach Berlin – Amsterdam! Das ist eine alte Lieblingsidee von mir: die drei holländischen Großstädte einmal planmäßig und vergleichend zu bearbeiten: Amsterdam als die alte, seit Jahrhunderten bedeutende Hauptstadt, Rotterdam (einmal nicht unter dem abgedroschenen Thema: Hafenstadt!) als den jungen Emporkömmling, und dazwischen Den Haag als Residenz und Wohnstadt, fast ohne Industrie, aus dörflicher Grundlage erwachsen. Ich möchte auf der für Berlin gewonnenen Erfahrung weiterbauen, und diese drei so verschiedenen Städte mit ihrem ausgezeichneten, leicht zugänglichen Material als weitere Etappe auf einem Wege betrachten, der vielleicht die heutige Stadtgeographie aus ihrem bisherigen äußerlichen Formalismus lösen und einer wirklich „harmonischen Analyse“ zuführen kann. Sie sehen: eine lohnende Aufgabe, die mich gewiß nun geraume Zeit in Anspruch nehmen wird. –
Im Hinblick auf Ihre Afrikapläne sende ich Ihnen gleichzeitig ein Buch, das ich hier zufällig auftrieb und das vielleicht sogar für Ihre Zwecke ganz nützlich ist. Nehmen Sie es bitte als kleines Zeichen der Dankbarkeit, auch für manche gemütlichen Stunden in Ihrem gastlichen Heim an der Havel! Schade, daß ich Ihre neue Behausung nicht mehr habe kennen lernen können - und das Musizieren müssen wir wieder einmal „aufschieben“!
(Archiv Geogr. Inst. Bonn I-11)