DFG-Projekt "Sven Hedin und die deutsche Geographie"




Kurzbeschreibung
 

Im Rahmen des von der DFG geförderten Projektes „Sven Hedin und die deutsche Geographie" haben sich die Mitarbeiter in den vergangenen Jahren schwerpunktmäßig mit Person und Werk Sven Hedins befaßt. Dabei konzentrierten sich die Arbeiten zunächst auf Sichtung und Auswertung der deutschsprachigen Originalpublikationen Hedins mit vorwiegend autobiographischem Charakter unter Einbeziehung von Nekrologen und biographischen Darstellungen seiner Person. Hierbei wurden die wesentlichen Muster der Selbstwahrnehmung bzw. Selbstdarstellung sowie die Fremdwahrnehmungs- und Bewertungskriterien im Kontext personengeschichtlicher Betrachtungen herausgearbeitet. Besonders hilfreich waren in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Hess (1962, 1980), Essén (1959), Beck (1964, 1971), Wennerholm (1978), Henze (1983), Kish (1984), Brennecke (1991) sowie die erst kürzlich erschienene psychologische Untersuchung von Dirks (1996).

Eine Auseinandersetzung mit Werk und Person Sven Hedins kann jedoch unter strukturgeschichtlichem Aspekten keinesfalls allein auf publizierten Arbeiten beruhen. Originaldokumente und Schriftwechsel Hedins mit deutschen Geographen, Verlegern und Politikern müssen mit in die Interpretation einbezogen werden.

Einen Einblick in Sven Hedins Schriftwechsel und dessen Kontexte verschafften vorerst die Recherchen im Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn, im Bundesarchiv in Koblenz, im Institut für Länderkunde Leipzig und vor allem im Ethnographischen Museum bzw. im Reichsarchiv in Stockholm. Auf die beiden letztgenannten Einrichtungen verteilt sich der umfangreiche Bestand der Sven Hedin Stiftung (Sven Hedins Stiftelse), die den Nachlaß von Hedin verwaltet.

Der wissenschaftliche Nachlaß sowie eine nach Jahren geordnete (1895-1952), in 60 Folianten gebundene Artikelsammlung aus schwedischen, englischen, amerikanischen, deutschen u.a. Tageszeitungen über Hedin befinden sich im Etnografiska museet. Diese für die Bewertung der Außenwirkung Hedins außerordentlich wertvolle Zusammenstellung geht auf Hedins Geschwister zurück, die alle Zeitungsartikel archivierten, die Hedin von eigens dazu beauftragten Agenturen zugeschickt wurden. Hess (1962, 16) hat bereits darauf hingewiesen, daß diese Sammlung sicherlich wertvolle Hinweise gibt, allerdings keineswegs vollständig ist. Während unseres Aufenthaltes in Stockholm konnten wir die Folianten stichprobenhaft für die Jahre 1933, 1935-1937 und 1941/42 durchsehen. Vereinzelt fehlen Quellenangaben und verschiedene Artikel sind unvollständig, da sie nicht korrekt ausgeschnitten wurden.

Der größte Teil des Briefnachlasses ist im Riksarkivet untergebracht und für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich. Dieser Bestand besteht aus ca. 50.000 nach Ländern und Absendern alphabetisch geordneten Briefen. Der weitaus größte Teil der Korrespondenz ist durch ein Findbuch mit zusätzlichem Namensregister erschlossen. Ca. 30.000 weitere Briefe sind noch ungeordnet archiviert, hierbei handelt es sich zum größten Teil um "Fanpost" mit Autogrammwünschen. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß sich hierunter auch Korrespondenz befindet, die für das Projekt relevant sein kann, wie der Kurator der Stiftung H. Wahlquist bestätigte. Der von uns gesichtete Bestand enthält bis ca. 1936 weitgehend nur Briefe, die an Hedin gerichtet waren. Briefentwürfe Hedins oder Durchschriften seiner Antworten fehlen bis zu diesem Zeitpunkt.

Bei Durchsicht der Dokumente bestätigte sich unsere Annahme, daß Hedin bzw. seine Familie nicht alle Schriftstücke aufbewahrten, sondern genau überlegten, welche Dokumente der Nachwelt überlassen werden sollten. Dies betrifft z.B. der Briefwechsel mit Goebbels, der erst 1938 beginnt, obwohl Hedin, wie aus anderen Dokumenten belegt werden kann, vorher mit ihm Kontakt gehabt haben muß. Überhaupt lassen sich viele Sachverhalte nur über Briefwechsel mit Dritten nachvollziehen. So geht auch aus dem von uns ausgewerteten Briefwechsel (1936-1952, 300 Briefe mit ca. 750 S.) mit Ministerialrat Prof. Dr. W. Ziegler (Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda) hervor, daß Teile des Schriftwechsels mit dem Reichspropagandaministerium und mit Reichsminister Dr. W. Funk nicht mehr existieren.

Viele Briefe Hedins bestätigen die jüngst von dem Psychologen Dirks (1996) hervorgehobene überzogene Selbstwahrnehmung Hedins und auch seine spezifische Wahrnehmung anderer Personen. Eine besondere Bedeutung schienen Menschen immer dann für Hedin zu haben, wenn es sich um "große" Personen - d.h. diejenigen, die durch ihre Funktion oder ihr Amt in der Öffentlichkeit stehen und oder Macht haben - handelt. Hedin hinterfragte deren Handeln selten, ging vielmehr davon aus, daß ihre Integrität qua Amt verbürgt sei. Führungspersönlichkeiten werden von Hedin mystifiziert. Beispielhaft hierfür ist der Briefwechsel mit General Dommes, der mit dem Deutschen Kaiser im Exil in Holland lebte. Da Hedin in seinem Buch "Deutschland und der Weltfriede" auch über den Kaiser berichten wollte, fragte er General Dommes nach hervorragenden Eigenschaften des Kaisers. Nach seinem Besuch bei Kaiser und der Kaiserin 1936, schrieb er an Dommes am 11.1.1937:

"Euer Excellenz,

[ … ]

In dem Buch werde ich auch ein Kapitel über mein Besuch S.M. dem Kaiser haben, wo ich der ganzen Welt zu zeigen beabsichtige, wie gross und bewundernswürdig der Kaiser ist und wie seine Seelengrösse ihn über alle andere Menschen erhebt. Ein Mann der von einer solchen Höhe zu einer solchen bescheidenen Einsamkeit zurücktreten kann ohne ein Wort von Klagen zu äussern, ohne ein Wort von Hass oder Bitterkeit durch seine Verleumder - er ist ein Übermensch, sein Namen wird niemals sterben und seine Erinnerung wird von Legenden umsponnen in märchenhaftig Grösse für alle Zeiten leben." (SHA 457 Tyskland Di-Dü)

In für Hedin typischer Form wird hier das Bild des Kaisers mystifiziert. In "Deutschland und der Weltfriede" wird der "Übermensch" noch in einen religiösen Kontext eingebettet, wenn es heißt: "Seine Seelengröße ist bewundernswert. Aus welcher Quelle hat er die übermenschliche Kraft geschöpft, die seine Seele frisch und ungebrochen gehalten hat [ … ] Sie beruht auf seiner tiefen, felsenfesten Frömmigkeit. Sein Glaube an Gott und Gottes unergründliche Wege ist unerschütterlich [ … ] so ist alles [ … ] Ausfluß des göttlichen Willens, vor dem er sich beugt als Christ!" Nach dem Krieg formulierte Hedin nicht minder pathetisch: "Der Kaiser muß eine Seelengröße und eine Charaktergröße besessen haben, wie sie äußerst selten zu finden sind. Seine Stärke war seine Demut vor Gott."

Die Sequenz der drei Zitate bündelt "gleichsam wie in einem Hohlspiegel" (Dirks 1996, 71) die Selbsteinschätzung Hedins. Seine Orientierung an vermeintlich politischen wie wissenschaftlichen Größen seiner Zeit war ein Mittel zur Dokumentation eigener Größe. Viele seiner Fachkollegen in Deutschland akzeptierten dieses Bild schon sehr früh und huldigten schon zu Lebzeiten Hedins dem "Mythos Hedin". So heißt es etwa in einem Brief von G. Merzbacher vom 11.7. 1918:

"[ … ] Unsere Gesellschaft [Geographische Gesellschaft in München], die Sie mit Stolz zu ihren Ehrenmitgliedern zählt, hat stets Ihre im Dienst der geographischen Wissenschaft ausgeübte Tätigkeit mit Aufmerksamkeit verfolgt und Ihr von erfolg zu Erfolg führendes, die Erdkunde um so viele neue Tatsachen bereicherndes Wirken gebührend gewürdigt.

Durch Ihr kernhaftes mutiges Eintreten für das von der ganzen Welt als Barbaren geächtete edle deutsche Volk, dem doch die menschliche Zivilisation so Vieles zu verdanken hat, durch dieses im Dienste der Wahrheit und Gerechtigkeit bekundete männliche Verhalten [ … ] haben Sie ein in dieser Zeit doppelt seltenes Beispiel von Wahrheitsliebe, Edelmut und Charakterstärke gegeben. Sie haben sich hierdurch im Herzen des deutschen Volkes ein unvergängliches Denkmal gesetzt und sind unserer Gesellschaft hiedurch nur um so enger verbunden worden.

[ … ] Es ist Ihnen ja bekannt, welch hohen Rang unsere Gesellschaft im Geistesleben Münchens einnimmt, sowie dass die Gesellschaft die geistige und soziale Elite der hiesigen Stadt zu ihren Mitgliedern zählt, dass der König und andere Mitglieder des Kgl. Hauses regelmässig unseren Vorträgen anzuwohnen pflegen. Aus diesem Grund kann ich Ihnen ein Ihrer Darbietung würdiges und dankbares Auditorium im Vorhinein zusichern." (SHA 482 Tyskland Me-Mi)

Bei der Auswertung des Schriftwechsels konnten die Briefe mit den Richthofen-Schülern und jenen Fachvertretern, die sich nach dem Tod Richthofens zum Ferdinand-Freiherr-von-Richthofen-Tag zusammengeschlossen hatten, vorrangig berücksichtigt werden, da, wie schon bei der Antragstellung erwartet, fast alle aus dem Richthofenkreis (Hahn, Philippson, Tiessen, Meinardus, Wagner, Schott, Drygalski, Baschin, Penck u.a.) mit Hedin korrespondierten. Diese Briefwechsel sind unterschiedlich umfangreich und aussagekräftig. Einige umfassen nur wenige Briefe aus einigen Jahren - Anlaß war meistens der Geburtstag Hedins - andere bezeugen einen regelmäßigen Gedankenaustausch. Letzteres betrifft vor allem die Korrespondenz mit E. Tiessen (201 handgeschriebene Briefe aus der Zeit 1904-1949) und mit A. Penck (1909-1948).

Anknüpfungspunkte in Bezug auf die NS-Zeit ergaben sich durch die Personen, die in den Werken Hedins der Jahre 1933 bis 1953 als Gewährsleute oder in den von Hillgruber (1967) veröffentlichten Dokumenten zur NS-Außenpolitik erwähnt werden.

Bei der Auswertung der Publikationen und Briefwechsel lassen sich mehrere Diskurse unterschieden, die miteinander mehr oder weniger eng verknüpft sind: der Nekrolog- oder Biographie-, der Geopolitik-, der Retter-, der Deutschfreund- und Diplomat-, der Expeditions-, der Richthofen- und schließlich der Wissenschaftsdiskurs.