Selbstverständnis

Fachgeschichtsschreibung wird heute gerade nicht mehr dann betrieben, wenn es gilt, irgendwelche Jubiläen zu begehen oder neue Forschungsansätze im Lichte der Geschichte ex ante zu legitimieren. Neben einigen Hochschulgeographen, die sich gelegentlich Formen klassischer Fachgeschichtsschreibung zuwandten, hat sich mit der zunehmenden ideologiekritischen Grundhaltung der späten 1960er Jahre eine Gruppe von Fachwissenschaftlern herausdifferenziert, die sich über einen längeren Zeitraum hinweg mit einer methodisch ausdifferenzierteren und multiparadigmatisch angelegten Erforschung der Disziplingeschichte beschäftigt hat. Dies führte nicht nur zur allmählichen Herausbildung engerer Forschungszusammenhänge, sondern auch zu einer interdisziplinären Öffnung. Diese kommt einerseits in der Anwendung moderner geschichtswissenschaftlicher Forschungsmethoden zum Ausdruck, führt aber auch zur Auflösung des traditionell engen, bisweilen autistischen Fachbezugs zugunsten von Fragestellungen, die die Geographie als ein Fach unter Fächern vor einem allgemeinhistorischen bzw. wissenschaftshistorischen Hintergrund beschreiben. In den späten 1980er und verstärkt noch in den 1990er Jahren wurde auf den Ergebnissen der neuen Historiographie aufbauend radikal mit einer Geschichtsschreibung gebrochen, die unter weitgehend unreflektierter Bezugnahme auf die jeweilige Gegenwart historische Texte aus der Perspektive des gerade gültigen Paradigmas interpretierte und so Sukzessionen von jeweils auf die neueste Gegenwart getrimmten Geschichtsbildern postulierte, in denen das Eigene, Andere und auch das Fremde der Vergangenheit vollständig zugunsten einer nur noch vermeintlichen Tradition verschwand. Gegenüber den herkömmlichen Formen von Disziplingeschichtsschreibung erhielt die historisch-kritische Dokumentation und Interpretation des gedruckten sowie ungedruckten Quellenmaterials einen ganz neuen, entscheidenden Stellenwert. Seit den 1970er Jahren begannen Geographiehistoriker historische Paradigmen und wissenschaftliche Theoreme der Geographie zu hinterfragen. Mit Beginn der 1980er und verstärkt in den 1990er Jahre widmete sich die Disziplingeschichte endlich auch den politischen Verstrickungen des Faches sowie den politischen Affinitäten geographischer Denkmuster zum NS-Regime. Zudem folgten Arbeiten, welche die personellen, institutionellen und fachinhaltlichen Kontinuitäten in den beiden Staaten in der Zeit nach 1945 untersuchten. Neben den ideengeschichtlichen Arbeiten und den klassischen Themenfeldern, wie Biographie- und Institutionengeschichte ist in den letzten Jahren das Interesse an der praktisch-empirischen Dimension der Geographie stark gewachsen.

Die Perspektive der disziplingeschichtlichen Forschung verschiebt sich dabei zunehmend auf die Untersuchung von technischen, epistemischen und soziokulturellen Prozessen und Praktiken der geographischen Wissensproduktion, sowie deren Einbindungen und Auswirkungen auf weite Bereiche inner-, trans- und außerdisziplinärer Handlungen, Kontexte und Diskurse. Anstatt die klassischen Dichotomien (wie z.B. Allgemeine/Regionale Geographie, Human-/Physische Geographie, Theorie/Empirie, Sinn/Materie, Text/Bild, Forschung/Darstellung) als Interpretationsschemata für Geschichtsdeutungen zu nutzen, werden nun über den Begriff der Praxis nach durchlaufenden und verbindenden Elementen gesucht. Aktuelle – auf diesen Ansatz bezogene – Forschungsfelder sind die Geschichte der Kartenproduktion und der Feldforschung.

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